Wir Flüchtlinge müssen uns gemeinsam wehren!

Bruno Watara 11.08.18 Foto:FreundeskreisVideoclips

Ich bin vor 21 Jahren nach Deutschland geflohen und habe schon sehr oft, die Geschichte meiner Flucht erzählt. Nie hat mich jemand gefragt, ob ich eine Familie zurück lassen musste.

Als ich fliehen musste, waren meine Söhne 2 und 6 Jahre alt. Die ersten drei Jahre, meiner Flucht, habe ich versucht in Nachbarländern von Togo Schutz zu finden, als das nicht möglich war, floh ich nach Deutschland. Die erste Zeit nach meiner Ankunft habe ich sooft es ging, mit meiner Frau telefoniert. Aber das war nicht einfach: Ich habe in Tramm/Zappel (Mecklenburg-Vorpommer) in einem Lager mitten im Wald gelebt. Dort gab es kein Telefon, zur nächsten Telefonzelle musste ich 8 Kilometer zu Fuß gehen, Internet und Mobiltelefone gab es erst später. Nur selten konnte ich ein bisschen Geld schicken, wir hatten damals noch das Gutscheinsystem. Am Anfang habe ich geglaubt, mein Asylverfahren dauert vielleicht 6 Monate, dann bekomme ich eine Aufenthaltserlaubnis, kann aus dem Lager ausziehen, darf arbeiten und meine Familie holen.
Es schmerzt, an diese Zeit zu denken.

Nach acht Jahren war mein Asylantrag durch alle Instanzen abgelehnt, meine Frau hatte sich getrennt, mein jüngerer Sohn war gestorben und ich kämpfte jeden Tag gegen meine Abschiebung nach Togo. Denn dort war ich immer noch bedroht. Eine Partnerschaft, hat es mir damals ermöglicht in Deutschland zu bleiben.
2011 konnte ich es zum ersten Mal wagen, wieder nach Togo zu reisen. Mein Sohn Parfait war schon erwachsen. Erst nachdem wir uns neu kennen gelernt haben, hat er mir erzählt, wie schwierig es für ihn war, ohne die Fürsorge und den Rat seines Vaters aufzuwachsen und immer wieder zu hören „Dein Vater ist doch in Europa, warum schickt er dir kein Geld, keine Jeans, kein Telefon, keinen Computer… ? Warum holt er dich nicht zu sich…?“

Nebenbei: In Togo herrscht immer noch eine Diktatur, immer wieder protestieren Tausende auf den Straßen dagegen, immer wieder werden diese Proteste mit Gewalt niedergeschlagen – von einer Regierung, die aus Deutschland und Europa mit Entwicklungshilfegeldern und Militär- und Polizeiausrüstung unterstützt wird. Für meinen Sohn hat das unter anderem zur Folge, dass er keine Chance auf ein Besuchsvisum für Deutschland hat. Denn Voraussetzung für ein Visum ist, dass er die Botschaft von seiner „Rückkehrbereitschaft“ überzeugen kann und alleinstehendem Männer wird grundsätzlich unterstellt, dass sie keinen Grund haben in eine Krisenregion zurück zu kehren.

Meine Grundrechte wurden viele Jahre missachtet. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Sicherheit und ein Leben ohne Verfolgung, das Recht auf Arbeit und Bewegungsfreiheit viele Menschenrechte werden durch das deutsche Asyl und Aufenthaltsrecht eingeschränkt.
Die meisten Flüchtlinge, mit denen ich jetzt zusammen für Familiennachzug kämpfe, haben das nicht erlebt: Sie sind 2015 eingereist: Menschen standen mit Refugees-Welcome Plakaten auf den Bahnhöfen, Residenzpflicht und Arbeitsverbote war nahezu abgeschafft und sie hatten eine „gute Bleibeperspektive“. Genau deshalb, hat es sie besonders hart getroffen, als 2016 mit dem Asylpaket II auch ihre Grundrechte eingeschränkt wurden und 2018 das Grundrecht auf Familienleben für sie abgeschafft wurde.
Das Asylsystem schiebt uns in Schubladen von guten und schlechten Geflüchteten, und spaltet uns in Asylberechtigte, Anerkannte nach der Genfer Flüchtlingskonvention und in subsidiär Geschützte, und in die Unerwünschten: die Geduldeten, die „Ausreisepflichtigen“. Mit jeder Schublade sind bestimmte Rechte oder Einschränkungen von Rechten verbunden. Das ist Unrecht, denn wir sind alle Flüchtlinge, wir haben alle ein Recht auf Schutz. Wir Flüchtlinge müssen uns gemeinsam wehren!
Diesen Spaltungsmechanismen setzen wir mit der Initiative ‚Familienleben für Alle! unsere transnationale Solidarität entgegen. Wir suchen keine Lösungen für einzelne Familien, wir kämpfen nicht nur für die Rechte von Flüchtlingen mit subsidiärem Schutz, sondern wir kämpfen dafür, dass Grundrechte unabhängig von Herkunft und Aufenthaltstitel für alle gelten.
Solidarität muss praktisch werden: Gegen Abschiebungen, gegen Ankerzentren und für Familiennachzug!

Bruno Watara, August 2018