Warum tut man uns das an?

Update 04.09,2019: Stephen wurde heute nach Italien abgeschoben, nach 4 Wochen Haft! Vom deutschen Staat erhielt er 50 EUR, von den Italienern gab es einen Espresso am Flughafen (Ironie off). Hätte er nicht Geld von mir und die organisierte Unterkunft, stünde er nun mit 50 EUR auf der Strasse. Jetzt bereiten wir die Heirat in Italien vor. Dann Ehegattenvisa. Wir schätzen 6-8 Monate…Lieben Dank an alle die uns unterstützen! Das ist so toll zu wissen, dass nicht alle mit den Geschehnissen dieser Tage einverstanden sind und es noch Menschen mit Herz gibt.

Mein Lebensgefährte Stephen und ich

lernten uns Anfang 2018 im Internet kennen, da war er noch in Italien. Er ist von Ghana nach Libyen durch die Wüste gegangen um dort ein besseres Auskommen zu finden. Das ging einige Jahre ganz gut, bis die Lage in Libyen so schlimm wurde, dass er keine andere Möglichkeit sah als über das Mittelmeer nach Italien zu reisen. Stephens Beine sind voll mit Folternarben, auch sein Ohr wurde ihm durchgerissen, Misshandlungen in Libyen.

In Italien lebte er 2 Jahre im Elend.

Er wurde ausgebeutet und es ging nicht voran. So beschloss er im Dezember 2018 nach Deutschland zu gehen (er kam zu Fuß über die Alpen). Ihm wurde eine Unterkunft in Hamm zugewiesen. Er hoffte in Deutschland einen Asylantrag stellen zu können.

Da aber schnell klar wurde dass er keinerlei Chance hat weil er unter die Dublinregelung fällt, fiel er in ein tiefes Loch der Verzweiflung.

Sein Verstand setzte aus und er bekam massive mentale Probleme. Er verließ orientierungslos die Unterkunft und irrte mit wirren Gedanken durcht Deutschland.
Ich begleitete ihn so gut es ging aus der Ferne und er verbrachte das eine oder andere Wochenende bei mir. Irgendwann wurde es so schlimm, dass ich beschloss ihn bei mir aufzunehmen. Er erholte sich langsam, konnte wieder schlafen und nahm ein paar Kilo zu. Parallel suchten wir uns einen Anwalt. Dieser beantragte dann die Verlängerung der Duldung.
Weiterhin fanden wir nach langer Suche einen Neurologen, der ihn medikamentös auf ein Antidepressivum einstellte. Ausserdem begann er eine Traumatherapie.
Was wir nicht wussten: er galt als untergetaucht und die Ausländerbehörde in Unna hatte einen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Die Ausländerbehörde in Mannheim, bei der wir den Antrag auf Verlängerung der Duldung gestellt hatten, rührte sich gar nicht.

Stephen und ich haben uns in dieser intensiven Zeit schwer verliebt und auch mein 14 jähriger Sohn vergöttert ihn. Wir sind in diesen Monaten eine richtige Familie geworden und die Perspektive und Aussicht auf ein gemeinsames Leben ließen ihn wieder aufblühen. Trotz allem, was er durchgemacht hat, ist er ein durch ind durch freundlicher und sanfter Mensch. Er tut meinem Teenager Sohn wahnsinnig gut und mich stärkt er im Umgang mit meinem Teenager. Wir kochen gern ale drei zusammen und lieben es im See zu schwimmen. Mein Sohn hat ihm das Schwimmen beigebracht❤️.

Ich wohne in einem Gemeinschafts-Wohnprojekt und alle Nachbarn haben Stephen herzlichst aufgenommen und ihn nach Kräften in unsere Gemeinschaft integriert. So war es möglich einen potentiellen Arbeitgeber für ihn zu finden, der ihm einen Arbeitsvertrag ausstellte. Der Arbeitgeber (ein Bio Catering Unternehmen) wartet darauf dass Stephen eine Arbeitserlaubnis erhält und möchte ihn unbedingt als Mitarbeiter gewinnen.

Am 31.07. ging er zum Einkaufen und kam in eine Polizeikontrolle. Er wurde direkt verhaftet und am nächsten Tag der Haftrichterin vorgeführt.

Er kam am 1.8. in das Abschiebegefängnis nach Pforzheim. Das war für uns ein riesiger Schock. Stephen hatte in seinem ganzen Leben noch keine Handschellen an. Er wurde sehr respektlos behandelt.
Für mich uns meinen Sohn ist eine Welt zusammengebrochen. Wir sind sehr traurig. Unser Alltag ist aufeinander abgestimmt. So kümmert sich Stephen z.B. um meinen Sohn wenn ich auf Geschäftsreise bin.

Der Pfarrer in der Abschiebehaft hat unsere Verlobung in einer kleinen Zeremonie gesegnet, dabei haben wir Ringe ausgetauscht. Wir haben alle drei geweint. Die Vorbereitungen für unsere Heirat laufen auf Hochtouren, allerdings braucht es aufgrund der Vorgaben des Standesamtes Zeit dafür.

Wir verstehen einfach nicht, warum man Stephen nicht in Deutschland duldet bis wir heiraten können.

Man schickt ihn jetzt nach Italien zurück in die Perspektivlosigkeit, Obdachlosigkeit und auch seine medizinische Versorgung ist dort nicht gewährleistet.
Man hat unsere Familie schmerzhaft auseinandergerissen, ganz ohne Not. Stephen erhielt in den letzten Monaten keinerlei staatlichen Leistungen, da ich voll für ihn aufkomme.

Die Behörden agieren rücksichtslos, unmenschlich und nach Schema F.

Wir sind traurig, fühlen uns hilflos und um unser Glück betrogen, beraubt und gedemütigt. Ich kann seit der Inhaftierung nicht richtig schlafen und essen oder mich auf meinen Job konzentrieren. Wie lange ich das aushalte kann ich nicht sagen. Es geht sehr an die Substanz. Hinzu kommt die ständige Sorge, dass er die Haft gut übersteht. Ich hoffe auch, dass die gerade gewonnene Stabilität in seiner Gesundheit nicht wieder bröckelt. Wir sind durch Anwaltskosten schon in der finanziellen Schieflage und ein Ende der Kosten ist nicht in Sicht.

Warum tut man uns das an?

Daniela B,

Mannheim, den 28.08.2019


Daniela steht für Interviews zur Verfügung

Auch Danielas und Stephens Hausprojekt 13hafreiheit hat gegen Stephens Inhaftierung protestiert.
Wer Daniela und Stephen unterstützen möchte, kann über das Hausprojekt Kontakt aufnehmen: www.13hafreiheit.de/kontakt.html

4 Kommentare

  1. Es tut immer weh, wenn man so etwas hört. Auch ich hatte sehr viel Ärger mit der Behörde. Eine angebliche Bekannte hatte dort einen anonymen Brief hinterlassen und behauptet das es eine Scheinehe wäre es hat 2 Jahre gedauert bis mein Mann in Deutschland war. Eigentlich ist das eine Unterdrückung von Beweisen zu einer Straftat.
    Ich wünsche dir alle Kraft der Welt

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